Pop-Archäologie

Tut leider not...

Alles ist Pop? Kann schon sein, zumindest wird es offensichtlich für alles und jedes gebraucht. Ulkiger Weise kann trotzdem kaum jemand erkären, was Pop eigentlich sein soll. Mittlerweile ist sogar der Theorie-Fraktion der Sinn von Pop abhanden gekommen, wie Mercedes Bunz so nett erläutert. Wo's mal herkam, liegt anscheinend auch im Dunkeln- die Wikipedianer meinen allen Ernstes, schon im Mittelalter Pop feststellen zu können...
Es hilft wohl nichts: Ein paar Ausgrabungsarbeiten scheinen nützlich zu sein.

Erstes Artefakt

Es mag verwundern, aber Musiker haben den Begriff nicht erfunden- er kommt aus der bildenden Kunst. Pop Art ist das Stichwort. Als eher zufälliger Entdecker des Buzz-Words gilt nicht etwa Andy Warhol, sondern der Brite Richard Hamilton, der Pop in dieser Collage erstmals verwendete- beachte das Jahr: 1956. Das Wort bedeutete bis damals eigentlich "Knall", was sich anhand des Bildes auch erahnen lässt. Dann passierte anscheinend eine Weile lang nicht viel, bis Anfang der 60er ein paar New Yorker darauf aufmerksam wurden.
Dort war es dann tatsächlich Andy Warhol, der den Begriff endgültig einbürgerte. Der legendäre Grundansatz von Pop Art ist in diesem Zeit-Artikel nochmal kurz geschildert.
Das war 1964. In der Musik war damals weder Pop noch Rock in dieser Weise gebräuchlich. Die neumodischen Sachen von den britischen Inseln hießen damals nach der entsprechenden Band "Beat" und in Nordamerika nach den Billboard-Charts der Unterhaltungsindustrie immer "Rhythm & Blues".

Basic Pop

"Pop ist ein lustvolles, ironisches, kritisches Schlagwort, schlagfertig gegenüber den Slogans der Massenmedien"- zu lesen in dieser schönen Materialsammlung zum Thema. Grundanliegen der Pop Art war, das Alltägliche in die Kunst zurückzubringen (zu sehen bei Robert Rauschenberg) und auch die Darstellung der sämtliche Lebensbereiche durchdringenden Warenwelt. IRONISCH, das kann kaum fett genug unterstrichen werden, weil das meistens übersehen wird. Schließlich hat Warhol diesen Effekt angesichts des kommerziellen Erfolges seiner Bilder selbst böse ironisiert: Typisches Beispiel sind die 12 Electric Chairs- in hübschen Pop-Farben. Übrigens produzierte Warhol auch frühzeitig Bilder zum selbst ausmalen- "do it yourself art". Na bitte. Konsequente Fortsetzung von hier.
Und mehr theoretisch von Bazon Brock: "Pop ist ein programmatisches Konzept für den kulturellen Wandel"- siehe da, ein gewisser Frank Zappa verfolgte zeitlebens "conceptual continuity".
Das Ziel (nochmal Bazon Brock): "Die Unterscheidung zwischen Subkultur und Hochkultur, Massen- und Elitekultur, U- und E-Kultur aufzuheben".

Pops?

Zum Medienereignis wurde die Sache dann durch die bis heute bekannte britische Fernsehsendung Top Of The Pops, was halbwegs direkt übersetzt eben "Der größte Knaller" heißt und wohl auch genau so gemeint war. Auch das war 1964. Und weil die Briten mit ihrem Beat-Irrsinn den damals noch übersichtlichen Musikmarkt des Planeten dominierten (the british invasion), hatten sie auch die begriffliche Definitionsmacht. Kaum verwunderlich, dass auch der Style-Aspekt des Ganzen von dort ausging, was auch dieser Telepolis-Artikel dokumentiert.
1966 steht dann Pop für sich selbst- trotz mittlerweile verblichenem Charme ist der Kern noch deutlich:
Pop ist witzig, bunt, lebensfroh und sexy- wer will das nicht sein. Und genau deswegen eignete sich selbstverständlich alles für eine freundlich-industrielle Übernahme als Vermarktungskanal und Versuchsgelände für die Modebranche.

Westcoast
Mit dem Monterey Pop Festival von 1967 eroberten die Amis dann ihre Claims zurück und etablierten im Zuge von Hippietum und freier Liebe die Marktmechanisemen, die heute alltäglich sind. Gut beschrieben in diesem vom 60s Information Center dokumentierten Artikel (dort unter Zeitungsberichte- "Entzaubertes Landleben"). Dort wird dokumentiert, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Kommerzialisierung in vollem Gange war.
Solche Effekte führen natürlich in akademischen Kreisen zu Stirnrunzeln und dürften ein Grund sein, warum diese Zirkel bis zum heutigen Tage einem Missverständnis anhängen: Dass Pop lediglich die Abkürzung von "populär" wäre und Pop dann gleich als Synonym für die alte "U-Musik" verwenden.
Noch mehr Arbeit...

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