Es ist wie sonst auch in der Weltgeschichte: Sie wird von den Siegern geschrieben. Und das war in Sachen Neue Deutsche Welle die Schlagerindustrie- genau die Leute, die die hiesigen Punks der ersten Generation eigentlich mindestens karikieren wollten. In Erinnerung geblieben sind nicht Bärchen und die Milchbubies oder Der Moderne Mann, sondern Fräulein Menke, Hubert Kah und Joachim Witt. Auch ein Altrocker namens Thomas Hölzl, der für ein österreichisches Rock-Kabarett das Saxofon blies, wurde keineswegs dadurch zum "Waver", dass er sich später Falco nannte. Gleiches gilt für die Lehrer-Band Trio, die den Avantgarde-Ansatz von Der Plan zum dumpfen Kneipen-Spaß machte (spielte deren Gitarrist nicht wenig später bei Westernhagen?). Selbst Ideal, die von allen am dichtesten an den ursprünlichen (Punk!) Grundgedanken angesiedelt waren, waren mit heutigen Worten eine Casting-Band. Ob einer von denen jemals in einem besetzten Haus gespielt hat, darf bezweifelt werden.
Punk als Selbstbedienungsladen für Geschäftemacher und letzte Chance für alternde Kneipenrocker. More future- her mit der Kohle.
Nach dem vielleicht hoffnungsvollsten Aufbruch der hiesigen Popgeschichte ein derartig vollständiger Zusammenbruch durch Ausverkauf nahezu sämtlicher Ideale- diese bittere Lektion warf nicht zuletzt auch sämtliche Bemühungen, die eigene Sprache im Pop-Kontext zu nutzen um Jahre zurück. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass nahezu die gesamte westdeutsche Indie-Szene der 80er englisch textete.
Demzufolge lieferte dann auch eine Punk-Band den unfreiwilligen Startschuss zum Hype: Hans-A-Plast. Der auch für sie selbst schockierende Erfolg ihres selbstproduzierten Erstlings wurde nicht nur in Berlin mit höchstem Interesse registriert, aber dort reagierte man am schnellsten und schickte Ideal ins Rennen. Erfolgsfaktor: Frau am Mikro- brandaktuelles Thema. Ideal waren wesentlich besser zu vermarkten als ein paar Punk-Feministinnen aus dem Untergrund und sprengten alle (Verkaufs-)Rekorde. Ab da war kein halten mehr- der Rest ist Geschichte.
Diejenigen, die alles angefangen hatten, liefen zwar auch noch mit, tingelten aber weiter durch die Jugendzentren, während die später Zugestiegenen die großen Hallen bespielten und sich einen auskömmlichen Lebensabend verdienten. Ein derartig radikaler Ausverkauf ist nach wie vor einmalig. Eigentlich so extrem, dass man es noch nicht mal mehr Ausverkauf nennen kann, denn diejenigen, die verkauften, waren ja Leute von außen. Falls es eine historische Parallele dazu gibt, dann wäre es wohl vergleichbar damit, wie die afroamerikanischen Erfinder von Rock'n'Roll in den 50ern um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wurden.
Trotzdem ist die subkulturelle NDW der frühen Phase nach wie vor ein großer Durchbruch auf dem Weg, sich die eigene Sprache zurückzuerobern. Und die Tatsache, dass es fast ein Jahrzehnt gedauert hat, bis das wieder in größerem Umfang versucht wurde zeigt, was für ein Quantensprung das gewesen ist.
Ausführlicheres zum Problem neue deutsche Welle gibt es von robotnik.ch (Urs van Binsbergen) und parapluie.de (Günter Sahler).