Die Loveparade war das Symbol für eine der größten Hoffnungen der neueren Musikgeschichte und mittlerweile weint ihr keiner mehr eine Träne nach. Verraten, missbraucht, ausgepresst- es fällt schwer, nicht auch noch Rotlichtvergleiche zu bringen, denn hier zeigt sich die dunkle Seite von Pop schwärzer als irgendwo sonst in dieser Galaxie.
Als die Loveparade 2004 erstmals abgesagt wurde, war dies zumindest in den bürgerlichen Medien noch Anlass, sich ein wenig mit den Gründen zu beschäftigen. Im E-Sektor selbst herrscht nicht erst seit gestern betretenes Schweigen- ernsthafte Mags wie debug erwähnen die Loveparade seit Jahren mit keiner Silbe. Zu extrem war der Missbrauch, den die Organisatoren mit den ursprünglichen Ideen betrieben- angetreten, um die Welt zu verändern, endete die idealistische Veranstaltung nach kurzer Zeit als Symbol für einen der umfassendsten Sellouts der Musikgeschichte. Nachdem sich Techno-Pioniere wie z.B. Tanith (der dabei nicht an massiver Kritik sparte, wie Marcel Feige neben vielem anderen berichtet) recht frühzeitig zurückzogen, kam es bekanntlich alsbald zunächst zu einer Gegenveranstaltung ("Fuckparade") und schließlich zum allmählichen Abstieg, der nach dem Entzug der Sonderrechte durch die Stadt Berlin schließlich in der Pleite endete.
Für Idealisten war besonders bitter, dass dieser Ausverkauf von Leuten betrieben wurde, die zuvor einiges für die Kultur geleistet hatten. Die Eigentümer der GmbHs mit Namen Loveparade, Mayday und Technomedia waren diejenigen, die noch relativ kurz vorher die Revolution ausgerufen hatten- am lautstärksten Westbam, der von Anfang für die griffigen Parolen zuständig war: Drückte er zunächst noch mit "Disko Deutschland" und "No more fucking Rock'n'Roll" die Aufbruchstimmung aus, brachte er bereits 1994 den Sellout gegenüber dem Wirtschaftsblatt "Forbes" mit der Frage "Welche Revolution will schon ins Reservat?" auf den Punkt. Marcel Feige zitiert die trockene Beschreibung der Loveparade-Organisatoren aus dem Techno-Fachblatt "Penthouse" ;-)
Die Loveparade 1995 war "(...)gesteuert durch die Zeitschrift Frontpage, Mayday Crew und Low Spirit Production, hinter denen die Geschäftsleute William Röttger und Jürgen Laarmann die Fäden ziehen (...) Kohlescheffler, die damit prahlen, Techno etabliert zu haben. Jahresumsatz: 5 Millionen Mark."
Im Netz trägt die Situation ähnliche Charakterzüge: E-Fanpages und Mags verfassen bestenfalls Randbemerkungen- die Chronologie der Absage 2004 wird immerhin noch vom ehemaligen Techno-Hauptquartier in dürren Stichworten dokumentiert. Hintergründe und Kritikpunkte werden von der "Welt" oder "FAZ" geliefert, die mit Jürgen Laarmann einen ehemaligen Wortführer befragte, während selbst Marusha im "Stern" nichts freundliches mehr zu sagen hatte. Wie gesagt: Solche Berichte kamen seit Jahren nur noch von außen.
Die zweite Absage 2005 wird auch dort fast überhaupt nicht mehr kommentiert. Aber nachdem die Marke Loveparade zum Exportschlager geworden ist (wie von der ansonsten kaum aktualisierten Homepage verkündet wird), scheint eine zukünftige Neuauflage nicht völlig unwahrscheinlich, aber nach der Entwicklung der letzten Jahre dürfte das höchstens noch Freunde des Sommer-Karnevals interessieren...